1. Exekutive Zusammenfassung
Dieser Forschungsbericht analysiert umfassend den Einsatz von Sole-Wasser-Wärmepumpensystemen (Boden-Wasser) im schweizerischen Kontext. Vor dem Hintergrund der Energiestrategie 2050 und der dringenden Notwendigkeit zur Dekarbonisierung des Gebäudesektors erweist sich die erdgekoppelte Wärmepumpe als technologisch überlegene Lösung für die Wärme- und Kälteversorgung. Die Analyse basiert auf aktuellen Marktdaten, technischen Normen (SIA), kantonalen Regulativen sowie Prognosen zur Preisentwicklung im Energiesektor für die Jahre 2025 und 2026.
Zentrale Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die geothermische Nutzung mittels Erdwärmesonden trotz hoher Initialinvestitionen (CAPEX) von CHF 45'000 bis CHF 90'000 für Einfamilienhäuser langfristig signifikante ökonomische und ökologische Vorteile bietet. Im Vergleich zu Luft-Wasser-Systemen bestechen Sole-Wasser-Anlagen durch eine höhere Jahresarbeitszahl (JAZ > 4.5), da sie von der konstanten Temperatur des Untergrunds profitieren und nicht den Schwankungen der Aussenluft unterliegen.
Ein entscheidender Aspekt der modernen Gebäudeplanung ist die Doppelfunktion der Systeme: Neben der Beheizung im Winter ermöglicht das sogenannte „Free Cooling“ eine hocheffiziente Gebäudekühlung im Sommer. Diese regeneriert gleichzeitig das Sondenfeld thermisch, was die langfristige Effizienz und Nachhaltigkeit des Wärmeentzugs sichert.
Die regulatorische Landschaft in der Schweiz ist komplex und föderalistisch geprägt. Während Förderprogramme (Harmonisiertes Fördermodell) in Kantonen wie Bern oder Aargau substanzielle Beiträge von bis zu CHF 10'000 leisten, sind diese zunehmend an strenge Qualitätskriterien wie das Wärmepumpen-System-Modul (WPSM) und den Einsatz zertifizierter Bohrfirmen gebunden. Geologische Restriktionen, insbesondere in Grundwasserschutzzonen und Karstgebieten (z.B. Basel-Landschaft), erfordern eine sorgfältige Standortabklärung.
Angesichts steigender Stromtarife für 2026 (Median ca. 27.7 Rp./kWh) und volatiler fossiler Brennstoffpreise stellt die Erdwärmepumpe, idealerweise kombiniert mit Photovoltaik zur Deckung des Eigenstrombedarfs, die robusteste Strategie zur Minimierung der Betriebskosten (OPEX) dar.
2. Einleitung: Die Wärmewende im Schweizer Gebäudepark
Die Schweiz steht vor einer fundamentalen Transformation ihrer Wärmeversorgung. Gebäude sind für rund 40% des nationalen Energieverbrauchs und einen erheblichen Teil der CO2-Emissionen verantwortlich. Der Ersatz fossiler Wärmeerzeuger (Öl und Gas) ist daher der stärkste Hebel zur Erreichung der Klimaziele. In diesem Transformationsprozess nehmen Wärmepumpen eine Schlüsselrolle ein. Während Luft-Wasser-Wärmepumpen aufgrund ihrer niedrigeren Investitionskosten und einfacheren Installation oft den Massenmarkt dominieren, stellen Sole-Wasser-Wärmepumpen (Erdwärmesonden) die "Goldstandard"-Lösung in Bezug auf Effizienz, Langlebigkeit und Netzstabilität dar.
Die Schweiz verfügt bereits heute über eine der höchsten Dichten an Erdwärmesonden weltweit. Dies ist auf eine frühe Adaption der Technologie, ein hohes Qualitätsbewusstsein im Bauwesen und günstige geologische Voraussetzungen in weiten Teilen des Mittellandes zurückzuführen. Dennoch ist der Markt nicht frei von Herausforderungen: Die Verdichtung des Siedlungsraums führt zu Fragen der thermischen Interferenz zwischen benachbarten Sonden, und der Gewässerschutz setzt enge Grenzen für Eingriffe in den Untergrund.
Dieser Bericht beleuchtet detailliert die technischen Mechanismen, die geologischen Voraussetzungen, die ökonomischen Kalkulationen sowie die administrativen Hürden, die Bauherren und Planer bei der Realisierung einer Erdwärmeanlage in der Schweiz berücksichtigen müssen.
3. Physikalische und Technische Grundlagen
3.1 Das thermodynamische Prinzip der Sole-Wasser-Wärmepumpe
Die Sole-Wasser-Wärmepumpe nutzt das Erdreich als Wärmequelle. Im Gegensatz zur Aussenluft, deren Temperatur im Winter auf -10 °C oder tiefer fallen kann, bietet das Erdreich in Tiefen ab ca. 10 bis 20 Metern eine nahezu konstante Temperatur von 8 °C bis 12 °C. Diese Temperatur nimmt durch den geothermischen Tiefengradienten (in der Schweiz ca. 3 °C pro 100 Meter Tiefe) weiter zu.
Das Funktionsprinzip basiert auf dem Kältekreisprozess:
Wärmeaufnahme (Verdampfer): Ein Gemisch aus Wasser und Frostschutzmittel (die sogenannte Sole, meist auf Ethylenglykol- oder Ethanolbasis) zirkuliert in den Sondenrohren und nimmt Wärme aus dem Gestein auf. Im Verdampfer der Wärmepumpe wird diese Energie auf ein flüssiges Kältemittel übertragen, das einen sehr niedrigen Siedepunkt besitzt und dabei verdampft.
Verdichtung (Kompressor): Der Kältemitteldampf wird in einem elektrisch betriebenen Kompressor verdichtet. Dieser Prozess erhöht den Druck und damit die Temperatur des Kältemittels massiv (auf das für die Heizung notwendige Niveau, z.B. 35 °C bis 65 °C). Der Stromverbrauch der Wärmepumpe findet primär hier statt.
Wärmeabgabe (Verflüssiger): Das heisse Gas kondensiert im Verflüssiger und gibt dabei seine Wärme an das Heizungswasser (Sekundärkreis) ab, welches die Wärme in die Räume transportiert (Fussbodenheizung oder Radiatoren).
Entspannung (Expansionsventil): Das nun wieder flüssige, aber noch unter Druck stehende Kältemittel wird entspannt, kühlt dabei stark ab und der Kreislauf beginnt von neuem.
Die Effizienz dieses Prozesses wird massgeblich durch die Temperaturdifferenz zwischen der Wärmequelle (Erde) und der Wärmesenke (Heizungsvorlauf) bestimmt. Da die Erdwärme auch im tiefsten Winter eine relativ hohe Quellentemperatur liefert (oft 0 °C bis 5 °C Soleeintritt), muss der Kompressor weniger Arbeit verrichten als bei einer Luft-Wärmepumpe. Dies resultiert in einer höheren Jahresarbeitszahl (JAZ) und einem niedrigeren Stromverbrauch.
3.2 Erdwärmesonden vs. Erdkollektoren
Zur Erschliessung der Erdwärme existieren zwei Hauptverfahren:
3.2.1 Erdwärmesonden (Vertikalbohrung)
Dies ist das in der Schweiz dominierende System. Es werden vertikale Bohrungen von meist 100 bis 350 Metern Tiefe abgeteuft. In diese Bohrlöcher werden Doppel-U-Rohrsonden aus hochbeständigem Kunststoff (PE100-RC) eingelassen und der Hohlraum mit einem thermisch leitfähigen Material verpresst.
Vorteile: Geringer Platzbedarf an der Oberfläche; Nutzung des konstanten Temperaturniveaus in der Tiefe; Möglichkeit zur passiven Kühlung (Free Cooling).
Nachteile: Höhere Investitionskosten durch Bohrung; genehmigungspflichtig (Gewässerschutz).
3.2.2 Erdkollektoren (Horizontalverlegung)
Hierbei werden Rohrschlangen in geringer Tiefe (ca. 1.2 bis 1.5 Meter) horizontal verlegt.
Vorteile: Geringere Erschliessungskosten, keine Tiefenbohrung notwendig.
Nachteile: Enormer Flächenbedarf (ca. 1.5 bis 2-fache der Wohnfläche); Nutzung der oberflächennahen Wärme, die im Winter stark auskühlt; keine Regeneration im Winter möglich; Gefahr von Hebungen/Senkungen bei Vereisung. In der dicht besiedelten Schweiz spielen Kollektoren bei Sanierungen und Neubauten auf kleinen Parzellen eine untergeordnete Rolle.
3.3 Qualitätskriterien und Normen
Die Planung und Ausführung unterliegt strengen Normen, insbesondere der SIA 384/6 („Erdwärmesonden“). Diese Norm regelt die Auslegung, die Bohrarbeiten und die Hinterfüllung. Ein kritischer Faktor ist die Dichtheit der Hinterfüllung (Verpressung), um zu verhindern, dass Grundwasserleiter verschiedener Tiefen miteinander verbunden werden (hydraulischer Kurzschluss). Die Verwendung von qualitativ hochwertigem Hinterfüllmaterial (thermisch verbessertes Bentonit) ist essenziell für den Wärmeübergang zwischen Gestein und Sonde.
4. Geologie und Hydrologie: Der Schweizer Untergrund
Die Machbarkeit einer Erdwärmesonde wird primär durch die lokale Geologie bestimmt. Die Schweiz lässt sich grob in drei geologische Grossräume unterteilen: Jura, Mittelland und Alpen.
4.1 Geologische Eignung und Risiken
Im Mittelland, wo die Bevölkerungsdichte am höchsten ist, besteht der Untergrund häufig aus Molasse (Sandsteine, Mergel), die sich generell gut für Erdwärmesonden eignet. Dennoch gibt es signifikante Risiken, die eine Bohrung verunmöglichen oder verteuern können:
Verkarstung: In Gebieten mit Kalkstein (z.B. Jura, Teile von Basel-Landschaft) können unterirdische Hohlräume (Karst) existieren. Beim Bohren kann das Spülwasser in solche Hohlräume entweichen, was zum Einsturz des Bohrlochs führen kann. Zudem ist der Grundwasserschutz in Karstgebieten besonders heikel, da Schadstoffe sich sehr schnell ausbreiten. Der Kanton Basel-Landschaft verbietet daher Bohrungen in bestimmten Kalk- und Dolomitsteinformationen oder erlaubt sie nur unter strengen Auflagen.
Gipskeuper (Anhydrit): Bestimmte Gesteinsschichten enthalten Anhydrit, der sich bei Kontakt mit Wasser in Gips umwandelt und dabei sein Volumen um bis zu 60% vergrössert. Dies kann zu massiven Hebungen an der Oberfläche führen (bekanntes Beispiel: Staufen im Breisgau, DE). In der Schweiz sind Bohrungen in gipsführenden Schichten (z.B. Belchentunnel-Region) strikt untersagt oder extrem reglementiert.
Artesische Spanner: Wenn Grundwasser unter Druck steht (artesisch), kann es beim Anbohren als Fontäne an die Oberfläche schiessen. Solche Zonen erfordern spezielle Bohrtechniken (Preventer) und sind kostenintensiv.
4.2 Thermische Beeinflussung und "Wärmeklau"
Ein zunehmendes Problem in dichten Siedlungsgebieten ist die thermische Interferenz. Entzieht eine Sonde dem Boden Wärme, bildet sich um sie herum ein Kältetrichter. Liegen Sonden zu nah beieinander, überlagern sich diese Trichter, und die Bodentemperatur sinkt langfristig stärker als geplant.
Mindestabstände: Generell gilt ein Mindestabstand von 5 bis 6 Metern zur Grundstücksgrenze und mindestens 10 bis 15 Metern zwischen zwei Sonden. In Quartierplanungen werden oft grössere Abstände (z.B. 30 Meter zwischen Einflussbereichen) empfohlen, um den langfristigen Ertrag zu sichern.
4.3 Eignungskarten der Kantone
Fast alle Kantone stellen online einsehbare Eignungskarten zur Verfügung (z.B. GIS-Browser Zürich oder Aargau). Diese Karten weisen Zonen aus:
Zulässig: Bohrung generell möglich (Bewilligung meist Formsache).
Bedingt zulässig: Spezielle Auflagen, hydrogeologisches Gutachten erforderlich.
Unzulässig: Grundwasserschutzzonen (S1, S2, oft S3) oder geologische Risikogebiete.
5. Rechtliche Rahmenbedingungen und Bewilligungsverfahren
Die Nutzung des Untergrunds ist in der Schweiz hoheitlich geregelt und bedarf einer Bewilligung.
5.1 Gewässerschutzgesetzgebung
Das Bundesgesetz über den Schutz der Gewässer (GSchG) bildet die Basis. Da Erdwärmesonden potenzielle Risiken für das Grundwasser darstellen (durch Bohrarbeiten oder Leckagen der Soleflüssigkeit), sind die kantonalen Ämter für Umwelt (AfU) oder Ämter für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL, z.B. in Zürich) die entscheidenden Instanzen.
Das Bewilligungsverfahren prüft:
Lage in Schutzzonen: In den Schutzzonen S1 und S2 (Fassungsbereich von Trinkwasser) sind Sonden absolut verboten. Im Zuströmbereich S3 oder in Gewässerschutzbereichen Au (unterirdische Gewässer) ist eine Einzelfallprüfung nötig.
Thermische Auswirkungen: Einige Kantone (z.B. Luzern, Uri) verlangen Modellierungen der thermischen Fahne, insbesondere wenn das Grundwasser auch zu Kühlzwecken genutzt wird oder grosse Entnahmeraten geplant sind.
Bohrfirma: In vielen Kantonen (z.B. Zürich) darf nur gebohrt werden, wenn die Firma das Gütesiegel der Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz (FWS) trägt.
5.2 Das Verfahren für Bauherren
Der Prozess gliedert sich wie folgt:
Vorabklärung: Konsultation der Eignungskarte.
Gesuchseinreichung: Meist zusammen mit dem Baugesuch oder als separates gewässerschutzrechtliches Gesuch bei der Gemeinde.
Auflagen: Die Bewilligung enthält Auflagen zur Bohrtiefe, zur Hinterfüllung und zur Druckprüfung der Sonden nach Installation.
Meldepflicht: Nach Abschluss der Arbeiten muss oft ein Bohrprofil und ein Dichtigkeitsprotokoll eingereicht werden.
Für Luft-Wasser-Wärmepumpen ist zusätzlich ein Lärmschutznachweis erforderlich. Dieser entfällt bei Erdwärmesonden für die Ausseneinheit (da nicht vorhanden), jedoch müssen die Lärmemissionen des Bohrgeräts während der Bauphase die lokalen Baulärmvorschriften einhalten.
6. Systemauslegung und Dimensionierung
Eine korrekte Dimensionierung ist kritisch für die Langlebigkeit der Anlage. Eine unterdimensionierte Sonde (zu kurz für die benötigte Heizlast) führt zu einer Vereisung des umgebenden Erdreichs. Dies senkt die Soletemperatur, verschlechtert die JAZ und kann im Extremfall zum Einfrieren der Sonde führen („Permafrost“), was das Gestein sprengen und die Sonde zerstören kann.
6.1 Berechnung nach SIA 384/6
Die Norm SIA 384/6 definiert das Vorgehen:
Heizleistungsbedarf: Ermittlung der maximalen Heizlast des Gebäudes (in kW) und des jährlichen Energiebedarfs für Heizung und Warmwasser (in kWh).
Entzugsleistung des Bodens: Je nach Gesteinsart kann dem Boden eine spezifische Leistung entzogen werden.
Schlechter Untergrund (trockener Kies/Sand): ca. 25–30 W/m.
Normaler Fels/gesättigter Sand: ca. 40–50 W/m.
Wasserführender Felsfluss: bis zu 60–80 W/m.
Sondenlänge: Ein modernes Einfamilienhaus mit 8 kW Heizlast benötigt bei einer durchschnittlichen Entzugsleistung von 50 W/m und einer Kälteleistung der WP von ca. 6 kW (ca. 2 kW kommen vom Kompressor) eine Sondenlänge von rund 120 Metern. Oft wird aus Redundanzgründen oder bei Tiefenbeschränkungen auf zwei Bohrungen à 70–80 Meter aufgeteilt.
6.2 Die Rolle der Regeneration
Um einer langfristigen Auskühlung des Bodens entgegenzuwirken, ist die Regeneration essenziell. Wird im Sommer Wärme in den Boden zurückgeführt (durch Free Cooling oder Solarthermie), stabilisiert sich das Temperaturfeld. Dies erlaubt oft kürzere Sondenlängen oder sichert eine dauerhaft höhere Effizienz.
7. Free Cooling (Geocooling): Technologie und Potenzial
Ein herausragendes Merkmal von Erdwärmesonden ist die Fähigkeit zur Gebäudekühlung mit minimalem Energieaufwand, bekannt als "Free Cooling" oder "Passive Cooling".
7.1 Funktionsweise und Hydraulik
Im Sommer liegt die Temperatur der Sole im Sondenkreislauf typischerweise zwischen 10 °C und 15 °C, während die Aussentemperaturen 30 °C und mehr erreichen.
Systemarchitektur: Der Kältekreis der Wärmepumpe (Kompressor) bleibt ausgeschaltet. Über ein 3-Wege-Ventil wird die kühle Sole an der Wärmepumpe vorbei direkt zu einem Plattenwärmetauscher geleitet.
Wärmeaustausch: Auf der anderen Seite des Wärmetauschers zirkuliert das Heizungswasser der Fussbodenheizung. Die Wärme aus den Räumen wird an die Sole abgegeben und ins Erdreich abgeführt.
Seriell vs. Parallel: Die hydraulische Einbindung kann parallel oder seriell zum Heizbetrieb erfolgen. Eine Studie der ZHAW zeigt, dass die Vorlauftemperatur des Kälteträgers entscheidend für die Effizienz ist. Indirektes Free Cooling (Trennung durch Wärmetauscher) ist Standard, um Korrosion und Vermischung zu vermeiden.
7.2 Taupunktüberwachung und Feuchteschutz
Kühlen über Fussbodenheizungen ist physikalisch durch den Taupunkt begrenzt. Fällt die Oberflächentemperatur des Bodens unter den Taupunkt der Raumluft, kondensiert Wasser.
Risiko: Schäden an Parkettböden und Schimmelbildung.
Lösung: Ein Taupunktwächter misst Referenztemperatur und Luftfeuchte. Das Regelsystem hält die Vorlauftemperatur der Kühlung stets ca. 2 Kelvin über dem errechneten Taupunkt (gleitende Regelung). Wird der Grenzwert erreicht, schaltet die Kühlung ab oder mischt wärmeres Wasser bei. Typische Kühlvorlauftemperaturen liegen bei 18 °C bis 20 °C.
7.3 Vorteile und Synergien
Energieeffizienz: Da nur die Umwälzpumpen laufen, ist der Strombedarf marginal. Die Leistungszahl (EER - Energy Efficiency Ratio) liegt oft über 20 (d.h. 1 kW Strom für Pumpen bewegt 20 kW Kühlleistung).
Thermische Regeneration: Die in den Boden eingebrachte Wärme erhöht die Sondentemperatur für den folgenden Winter. Simulationen zeigen, dass dies die JAZ der Heizperiode messbar steigern kann.
8. Wirtschaftlichkeitsanalyse und Kosten (Stand 2025/2026)
Die ökonomische Betrachtung ist oft das Zünglein an der Waage. Erdwärmesonden gelten als teuer in der Anschaffung, aber günstig im Betrieb.
8.1 Investitionskosten (CAPEX)
Für ein typisches Einfamilienhaus (Heizlast ca. 8–10 kW) setzen sich die Kosten wie folgt zusammen:
| Kostenposition | Kostenrahmen (CHF) | Details |
| Wärmepumpe (Gerät) | 12'000 – 18'000 | Inkl. integriertem Warmwasserspeicher und Regelung. |
| Installation & Zubehör | 8'000 – 12'000 | Hydraulik, Pumpengruppen, Elektroanschluss, Demontage Altanlage. |
| Erdsonde (Bohrung) | 15'000 – 25'000 | Bohrung inkl. Rohre, Verpressung, Anbindung ins Haus. Richtpreis ca. 80–120 CHF pro Meter. |
| Baustelleninstallation | 2'000 – 4'000 | Pauschale für Bohrgerät-Anfuhr, Mulden, Schlammentsorgung. |
| Gesamtkosten | 45'000 – 65'000 | Bandbreite je nach Geologie und Gerätewahl. |
Im Vergleich dazu kostet eine Luft-Wasser-Wärmepumpe ca. CHF 30'000 – 40'000. Der Mehrpreis von ca. CHF 20'000 resultiert fast ausschliesslich aus der Erschliessung der Wärmequelle.
8.2 Betriebskosten (OPEX) und TCO
Die Analyse der Total Cost of Ownership (TCO) über 20 Jahre verschiebt das Bild zugunsten der Erdwärme.
Szenario: Einfamilienhaus, Wärmebedarf 20'000 kWh/Jahr.
Strompreisentwicklung 2026: Nach einer Entspannung 2025 steigen die Tarife 2026 wieder an. Die ElCom weist auf steigende Netznutzungsentgelte und Kosten für die Winterreserve hin. Ein typischer Tarif (z.B. CKW) liegt bei ca. 25.2 Rp./kWh, der Schweizer Median bei 27.7 Rp./kWh.
Verbrauch Sole-WP (JAZ 4.5): 20'000 kWh / 4.5 = 4'444 kWh Strom.
Kosten/Jahr (bei 27 Rp.): CHF 1'200.
Verbrauch Luft-WP (JAZ 3.2): 20'000 kWh / 3.2 = 6'250 kWh Strom.
Kosten/Jahr (bei 27 Rp.): CHF 1'687.
Differenz: Die Sole-WP spart jährlich rund CHF 500 an Stromkosten.
Vergleich Öl: Bei einem Ölpreis von ca. 100 CHF/100L (Stand Anfang 2025 ) und einem Jahresbedarf von 2'200 Litern (inkl. Wirkungsgradverluste) betragen die Kosten CHF 2'200. Hinzu kommen Kaminfeger, Tankrevision und CO2-Abgaben.
Amortisation: Unter Berücksichtigung der Fördergelder (siehe Kap. 9) und der Steuerersparnis amortisiert sich der Mehrpreis der Bohrung oft innerhalb von 8 bis 15 Jahren. Da die Lebensdauer der Erdsonde (nicht der Pumpe!) auf >50 Jahre ausgelegt ist, ist sie langfristig die günstigste Energiequelle.
9. Fördermittel und Finanzielle Anreize
Die Schweiz unterstützt den Heizungsersatz massiv, um die Klimaziele zu erreichen. Die Förderlandschaft ist kantonal organisiert, basiert aber auf dem Harmonisierten Fördermodell der Kantone (HFM 2015).
9.1 Direkte Investitionsbeiträge
Die Beiträge variieren stark je nach Standort. Hier einige Beispiele für 2025 :
Kanton Bern: Grundbeitrag für Sole-Wasser-WP beim Ersatz einer Öl-/Gasheizung: CHF 6'000 (bis 15 kW). Für grössere Anlagen gibt es Leistungszuschläge.
Kanton Aargau: Grundbeitrag CHF 6'000 + CHF 180 pro kW thermischer Nennleistung.
Kanton Zürich: Fördert den Ersatz fossiler Heizungen ebenfalls substanziell, setzt aber strikt auf Qualitätssicherung.
Andere Kantone: Beiträge liegen meist zwischen CHF 4'000 und CHF 8'000. Das Programm "Energiefranken" gibt für jede Postleitzahl Auskunft.
Wichtig: Gesuche müssen zwingend vor Baubeginn eingereicht werden. Nachträgliche Gesuche werden abgelehnt.
9.2 Das Wärmepumpen-System-Modul (WPSM)
In vielen Kantonen (z.B. Bern, Freiburg, Thurgau) ist das WPSM mittlerweile Pflichtvoraussetzung für die Auszahlung von Fördergeldern.
Ziel: Sicherstellung der Effizienz und Qualität der gesamten Anlage, nicht nur des Gerätes. Es verhindert, dass Wärmepumpen hydraulisch falsch eingebunden werden (z.B. ständiges Takten, unnötiger Einsatz des Elektro-Heizstabs).
Ablauf: Die Anlage muss von einem qualifizierten Installateur geplant werden. Nach Inbetriebnahme erfolgt nach 2 Jahren eine stichprobenartige Erfolgskontrolle durch eine unabhängige Stelle.
Konsequenz: Bauherren müssen darauf achten, dass ihr Installateur WPSM-zertifizierte Anlagen anbietet. Ohne das "Anlagezertifikat" fliesst kein Geld.
9.3 Steuerliche Abzüge
In fast allen Kantonen können Investitionen in Energiesparmassnahmen (inkl. Rückbaukosten der alten Ölheizung) zu 100% vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden. Bei einem Grenzsteuersatz von 25% und einer Nettoinvestition von CHF 50'000 (nach Förderung) "zahlt" der Staat via Steuerersparnis weitere CHF 12'500. Die Investition kann oft auf bis zu drei Steuerperioden verteilt werden, um die Progression zu brechen.
10. Installation und Qualitätssicherung: Ein Leitfaden
Die praktische Umsetzung erfordert Koordination. Der folgende Ablauf skizziert den "Best Practice" Weg.
10.1 Auswahl der Partner
Die Qualität der Bohrung ist irreversibel. Ein schlampig verpresstes Bohrloch kann nicht repariert werden.
Gütesiegel: Beauftragen Sie zwingend eine Bohrfirma mit dem „Gütesiegel für Erdwärmesonden-Bohrfirmen“ der FWS. Dies garantiert geschultes Personal, Versicherungsschutz und Einhaltung der Umweltstandards.
Installateur: Der Heizungsinstallateur sollte Erfahrung mit WPSM haben.
10.2 Der Bohrprozess
Vorbereitung: Der Geologe oder die Bohrfirma reicht das Gesuch ein. Nach Erhalt der Bewilligung wird terminiert.
Installation: Ein kleines Raupenbohrgerät wird in den Garten gefahren. Schutzmassnahmen für Rasen und Umgebung sind wichtig.
Bohren: Meist dauert eine 150m-Bohrung 1-2 Tage. Der Bohrschlamm wird in Mulden aufgefangen und entsorgt.
Einbau & Verpressung: Die U-Sonden werden eingeführt. Anschliessend wird das Bohrloch von unten nach oben mit einer Bentonit-Suspension verpresst.
Anschluss: Gräben werden zum Haus gezogen, die Leitungen durch die Kellerwand geführt (Kernbohrung mit Ringraumdichtung) und an den Soleverteiler angeschlossen.
10.3 Inbetriebnahme
Die Sole wird eingefüllt (Konzentration meist für Frostschutz bis -15 °C ausgelegt). Die Anlage wird entlüftet und der hydraulische Abgleich der Heizkreise durchgeführt. Dies ist entscheidend für die Effizienz (JAZ): Jeder Grad zu viel Vorlauftemperatur kostet ca. 2.5% Effizienz.
11. Fallbeispiele und Sanierungspraxis
11.1 Referenzobjekt "Einfamilienhaus Meier" (Kanton Thurgau)
Ein dokumentiertes Beispiel zeigt die Realität einer Sanierung:
Ausgangslage: Baujahr 1946, Ölheizung von 1997, Verbrauch 3'500 Liter Öl.
Entscheidung: Trotz Altbau fiel die Wahl auf Erdwärme. Ziel: Langfristige Ruhe und Ökologie.
Investition: CHF 55'000 für das Gesamtsystem.
Finanzierung: CHF 10'000 Fördergelder + Hypothekenaufstockung um CHF 45'000.
Ergebnis: Stromkosten im ersten Jahr rund CHF 1'000 (vs. > CHF 3'000 für Öl).
Erkenntnis: Auch im Altbau funktionieren Wärmepumpen, wenn die Radiatoren ausreichend gross dimensioniert sind oder die Gebäudehülle (Fenster/Dach) saniert wurde, um die Vorlauftemperaturen auf unter 50 °C zu senken.
11.2 Herausforderung Radiatoren
Entgegen dem Mythos "Wärmepumpen nur mit Bodenheizung" ist der Betrieb mit Radiatoren möglich, sofern die Vorlauftemperatur im Auslegungsfall (kältester Tag) 50-55 °C nicht überschreitet. Sole-Wasser-Wärmepumpen sind hier im Vorteil gegenüber Luft-WP, da sie auch bei tiefer Kälte ihre Leistung besser halten und höhere Temperaturen effizienter bereitstellen können. Dennoch gilt: Je tiefer die Temperatur, desto besser die JAZ.
12. Fazit und Ausblick
Die Sole-Wasser-Wärmepumpe ist für den Schweizer Kontext die technologisch robusteste und volkswirtschaftlich sinnvollste Lösung zur Dekarbonisierung von Ein- und Mehrfamilienhäusern. Sie entlastet das Stromnetz im Winter (durch höhere Effizienz als Luft-WP), bietet im Sommer durch Free Cooling einen enormen Komfortgewinn ohne die Nachteile klassischer Klimaanlagen und stellt eine Investition in die Infrastruktur dar, die über Generationen (Lebensdauer der Sonde) Bestand hat.
Trotz der Hürden – hohe Initialkosten, komplexe Bewilligungsverfahren und geologische Risiken – überwiegen die Vorteile deutlich. Die Kombination aus attraktiven Fördergeldern (HFM 2015), steuerlichen Anreizen und der langfristigen Absicherung gegen volatile Energiepreise macht die Erdwärmepumpe zum bevorzugten System für vorausschauende Bauherren. Mit Blick auf 2026 und darüber hinaus, wo Kühlung so wichtig werden wird wie Heizung, ist die Erdwärmesonde mehr als nur ein Heizsystem: Sie ist ein intelligentes Energiemanagement-System für den Untergrund.
Empfehlung: Bauherren sollten frühzeitig planen (6 Monate Vorlauf für Bewilligungen), zwingend auf WPSM-zertifizierte Installationen bestehen und die Kombination mit einer PV-Anlage prüfen, um den Betriebsstrom der Wärmepumpe teilweise selbst zu produzieren und die Autarkie zu maximieren.
